Meine frühesten Erinnerungen an Musik sind untrennbar mit meinem Vater verbunden.
Im Zentrum unseres Hauses befindet sich bis heute die große Diele – ein hoher Raum, wie er für alte Bauernhäuser typisch ist. Fast vier Meter hoch, über viele Generationen hinweg das Herz des Hauses.
Die alten Balken waren in meiner Kindheit allerdings nicht sichtbar. Irgendwann waren Wände und Decke aus Gründen der Modernität mit Faserplatten verkleidet worden. So sah die Diele aus, wie ich sie als Kind erlebte.
Trotz verschiedener Umbauten blieb ihre ursprüngliche Höhe erhalten. Ein Bauingenieur hatte später einmal vorgeschlagen, den Raum auf normale Deckenhöhe zu reduzieren. Ich verwarf diesen Gedanken sofort.
Heute glaube ich, dass ich damals intuitiv spürte, dass dieser Raum mehr war als nur ein Teil des Hauses.
Er war ein Teil der Erinnerung.
Wenn im Sommer schwere Gewitter aufzogen, versammelten sich die Bewohner des Hauses früher häufig in der Diele. Man tat das aus Vorsicht. Sollte ein Blitz einschlagen, konnte man von dort aus schnell ins Freie gelangen.
Besonders meine Großmutter verband ich immer mit solchen Momenten.
Für mich aber ist dieser Raum vor allem mit einem anderen Klang verbunden – mit dem Klang der Trompete meines Vaters.
Auf einigen alten Fotografien ist eine Szene festgehalten, die zu meinen frühesten Erinnerungen gehört. Ich war damals vielleicht ein Jahr alt und konnte gerade laufen. Auf den Bildern stehe ich vor meinem Vater und halte mich mit beiden Händen an seiner Hose fest, während er Trompete spielt.

Er wirkt vollkommen konzentriert. Ganz bei der Musik.
Und doch liegt in seinem Gesichtsausdruck noch etwas anderes – ein stiller Stolz.
Vielleicht auf sich selbst.
Vielleicht aber auch auf den kleinen Jungen vor ihm.
Damals wusste ich natürlich nicht, welche Stücke er spielte. Ich wusste nur, dass diese Klänge zum Haus gehörten.
Viele Jahre später sollte ich einige dieser Melodien wiederfinden.
Mein Vater war ein musikalischer Mensch.
Schon als kleiner Junge spielte er Akkordeon. Eines der ersten Fotos, die es überhaupt von ihm gibt, zeigt ihn mit einem Akkordeon, das beinahe größer wirkt als er selbst.
Später besaß er ein großes Hohner-Akkordeon, das viele Jahre sorgfältig in einem stabilen Koffer auf dem Dachboden unseres Hauses aufbewahrt wurde.
Als ich als junger Erwachsener einmal neugierig den Koffer hervorholte, öffnete mein Vater ihn, nahm das Instrument heraus und begann sofort zu spielen.
Ohne Vorbereitung.
Ohne zu überlegen.
Seine Finger fanden die Tasten und Knöpfe, als hätte er das Instrument nie aus der Hand gelegt.
Ich erinnere mich noch heute an die Leichtigkeit, mit der er spielte. Die Musik floss einfach aus ihm heraus.
Und trotzdem war Musik in unserer Familie auf eine merkwürdige Weise zugleich präsent und nicht präsent.
Mein Vater konnte spielen. Er konnte Musik fühlen. Sie gehörte sichtbar zu ihm.
Aber er war nicht in der Lage, mir Musik wirklich zu vermitteln.
Zumindest nicht bewusst.
Er erklärte nichts. Er zeigte kaum etwas. Wir sprachen nicht über Musik. Es gab keinen eigentlichen musikalischen Unterricht zwischen Vater und Sohn, keine gemeinsame musikalische Welt, die aktiv weitergegeben wurde.
Und doch glaube ich heute, dass er mich viel stärker geprägt hat, als ihm selbst vermutlich bewusst gewesen wäre.
Denn Musik berührt mich bis heute auf eine Weise, die ich selbst manchmal kaum verstehe.
Es kommt nicht selten vor, dass mich ein Musikstück plötzlich so tief trifft, dass ich hemmungslos weinen muss. Manchmal sogar in Gegenwart anderer Menschen, was mir dann eher unangenehm ist.
Bei vielen anderen Menschen habe ich solche Reaktionen kaum je erlebt.
Oft sind es dabei nicht einmal große klassische Werke, sondern ganz bestimmte Momente.
Zum Beispiel die Interpretation des Liedes „Run“ durch eine junge Sängerin in einer Castingsendung. Oder ein Auftritt in einer türkischen Musiksendung, bei dem traditionelle türkische Musik mit moderner Popmusik verbunden wurde.
Solche Augenblicke können mich völlig unerwartet treffen.
Vielleicht, weil Musik bei mir weniger über den Verstand wirkt als über Erinnerung, Atmosphäre und Gefühl.
Manchmal genügt eine Stimme, ein bestimmter Klang oder nur eine kurze Melodiefolge – und plötzlich ist innerlich etwas wieder da, das sich kaum erklären lässt.
Räume.
Stimmungen.
Kindheit.
Nähe.
Viele Jahre nachdem ich die Trompetenmusik meines Vaters zuletzt gehört hatte, begann ich mich intensiver für ältere Trompetenmusik zu interessieren. Irgendwann stieß ich dabei auf Aufnahmen von Herb Alpert.
Besonders das Album Whipped Cream & Other Delights, das im Jahr 1965 erschien – genau in dem Jahr, in dem ich geboren wurde.
Als ich diese Musik hörte, erkannte ich viele der Stücke plötzlich wieder.
Es waren genau die Melodien, die ich als kleines Kind auf unserer Diele gehört hatte.
Meine Mutter erinnerte sich sofort daran. Diese Musik gehörte tatsächlich zum Repertoire meines Vaters. Er konnte die Stücke sicher und mit großer Selbstverständlichkeit spielen.
Die musikalische Welt meines Vaters bestand aus Musikern wie Glenn Miller, Benny Goodman, Herb Alpert, Roy Etzel oder Horst Fischer.
Meine eigene musikalische Welt entwickelte sich später völlig anders.
Ich hörte Motörhead oder Ozzy Osbourne.

Oberflächlich betrachtet scheint das weit entfernt von der Musik meines Vaters zu sein.
Und doch glaube ich heute, dass darunter vielleicht etwas Gemeinsames liegt.
Nicht der Stil.
Nicht die Instrumente.
Sondern die Fähigkeit von Musik, Menschen unmittelbar zu berühren.
Vielleicht liegt genau dort die eigentliche Verbindung zwischen meinem Vater und mir.
Denn vieles, worüber nie gesprochen wurde, war trotzdem da.
Nicht in Worten.
Sondern in Klängen.
