Die Birke auf dem Käfer

Es ist etwa 44 Jahre her.
Pfingsten, Anfang der achtziger Jahre.
Mein Freund Martin wollte seiner Freundin einen Pfingstbaum vors Fenster stellen. Also fuhren wir nachts zum Georgschacht bei Stadthagen. Damals war das Gelände noch frei zugänglich: alte Zechenreste, verwilderte Flächen, die riesige Halde und Birken in rauen Mengen. Keine Zäune, keine Kameras, bestenfalls ein paar Verbotsschilder, die uns nicht beeindruckten.
Wir waren mit Martins VW Käfer unterwegs.
Eigentlich war der Wagen viel zu klein für das, was wir vorhatten. Aber das hielt uns nicht auf. Gegen zwei Uhr nachts sägten wir im Dunkeln eine Birke ab. Kein kleines Bäumchen, sondern ein ordentlicher Baum – fünfzehn bis zwanzig Zentimeter Stammdurchmesser, bestimmt sieben Meter hoch.


Der Käfer hatte ein Schiebedach. Also legten wir die Birke aufs Dach. Ich setzte mich oben auf den Stamm, die Beine durchs offene Dach ins Wageninnere. Und so fuhren wir los.
Langsam.
Der luftgekühlte Motor knatterte durch die Nacht, während wir mit unserem absurden Gefährt Richtung Südhorsten unterwegs waren. Auf der Birke zu sitzen und damit durch die laue Nacht zu fahren, der Wind im Gesicht, war ein Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt. Unsicher fühlte ich mich nicht. Es gehörte einfach zu dieser verrückten Idee. Bis kurz vor dem Ziel.
In einer S-Kurve passierte es. Wahrscheinlich war Martin doch etwas zu schnell. Der Baum begann langsam vom Dach zu rutschen.
Fast wie in Zeitlupe.
Während ich rutschte, sah ich schon die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos.
Nachts um zwei. Genau in diesem Moment.
Und dann saß ich mitten auf der Straße – im Blätterwald zwischen den Ästen.
Das entgegenkommende Auto hielt an. Ein älteres Ehepaar. Der Mann stieg aus, wollte offenbar etwas sagen.
Doch seine Frau sagte nur: „Ach, Herbert, reg dich nicht auf. Wir waren doch auch mal jung.“
Dann stiegen beide wieder ein und fuhren weiter, ohne noch ein Wort über die Situation zu verlieren.
Wir sammelten den Baum wieder ein, brachten ihn tatsächlich noch bis vors Fenster von Martins Freundin und stellten ihn dort auf.
Was danach an diesem Pfingstwochenende noch geschah, weiß ich nicht mehr genau. Das meiste ist längst verblasst.
Aber diese Nacht ist geblieben.
Der Georgschacht.
Die Birke auf dem Käferdach.
Die Beine durchs Schiebedach.
Und dieser eine Satz in der Dunkelheit:
„Wir waren doch auch mal jung.“
Es war eine schöne Zeit.