Was wir im Urlaub eigentlich suchen

Heute bin ich bei Wind und Nieselregen allein am Strand von Heiligenhafen entlanggelaufen, während Susanne zunächst in der Ferienwohnung blieb.

Später ging sie in die Stadt. Als sie zurückkam, war ihre Stimmung deutlich besser.

Das brachte mich auf einen Gedanken, über den ich bisher nie wirklich nachgedacht hatte.

Man glaubt oft, der Urlaubsort sei entscheidend. Das Wetter. Die Unterkunft. Der Strand. Das Meer.
Aber all das allein macht noch keinen guten Urlaub aus.

Wir bringen uns selbst mit. Unsere Wünsche, unsere Erwartungen und unsere Vorstellungen davon, was Erholung überhaupt bedeutet.

In unseren Urlauben gab es immer wieder ein oder zwei Tage, an denen die Stimmung angespannt war. Schon in Italien, als die Kinder noch klein waren, oder später, als wir zu zweit unterwegs waren. Wir haben nie wirklich darüber gesprochen. Es gab gelegentlich Gesprächsansätze, aber wir haben die Frage nie zu Ende gedacht.

Heute glaube ich, dass Susanne und ich oft etwas völlig Unterschiedliches gesucht haben.

Für Susanne bedeutet Urlaub vor allem Sonne, Wärme und Erholung. Einfach einmal abschalten. Das kann ich heute gut verstehen. Über Jahrzehnte konnte sie das kaum. Arbeit, Familie, Kinder, später Enkelkinder, Haus und Alltag waren immer präsent.

Für mich war Urlaub etwas anderes.
Strandliegen und Wellness waren nie mein Programm. Ich wollte los. Neue Orte sehen. Unbekannte Wege gehen. Entdecken, was hinter der nächsten Kurve liegt.

Während meines Spaziergangs wurde mir noch etwas anderes bewusst:
Der eigentliche Unterschied lag vielleicht gar nicht darin, dass wir Unterschiedliches suchten.
Der eigentliche Unterschied lag darin, dass ich lange Zeit erwartet habe, dass Susanne die Dinge ähnlich sieht wie ich.

Wenn mich eine Landschaft faszinierte oder ein Ort interessierte, hoffte ich, dass es ihr genauso geht. Wenn ich etwas Spannendes entdeckt hatte, wollte ich die Begeisterung teilen.
Und wenn das nicht der Fall war, war ich enttäuscht.
Nicht laut. Nicht offen ausgesprochen. Aber innerlich.

Heute denke ich, dass darin ein Teil des Problems lag.
Susanne hat die Dinge nicht falsch gesehen. Sie hat sie anders gesehen.

Vielleicht haben wir jahrzehntelang versucht, Urlaub auf dieselbe Weise zu machen, obwohl wir Erholung auf völlig unterschiedliche Weise finden.
Erst jetzt beginnen wir langsam, jedem seine eigenen Interessen zu lassen, ohne daraus einen Konflikt zu machen.

Ich gehe am Strand spazieren.
Susanne geht in die Stadt.
Sie muss nicht sehen, was ich sehe.
Und ich muss nicht suchen, was sie sucht.

Rainer Maria Rilke schrieb einmal:
„Liebe besteht darin, dass zwei Einsamkeiten sich beschützen, berühren und grüßen.“
Vielleicht gilt das auch für den Urlaub.

Man denkt oft, der Ort sei wichtig und das Wetter sei wichtig.
Aber das allein macht keinen guten Urlaub aus.
Wir sind nun einmal Individuen.
Vielleicht besteht die eigentliche Kunst nicht darin, denselben Urlaub zu machen.
Sondern zu verstehen, was der andere darin sucht.