Wer soll zurückweichen?

Zum Artikel „Mehr Sicherheit, aber …“ vom 2. Juni in den Schaumburger Nachrichten

Der Bericht über Elterntaxis vor Schulen in Bad Nenndorf, Rodenberg und Lauenau greift aus meiner Sicht zu kurz. Es geht nicht nur um morgendliches Chaos vor Schulhöfen, blockierte Busspuren oder fehlende Parkplätze. Es geht darum, wie wir unseren Straßenraum organisieren und wem wir darin Platz zugestehen. Kinder auf ihrem Schulweg sind nur die sichtbare Gruppe derjenigen, die auf Rücksicht angewiesen sind. Wer zu Fuß unterwegs ist, mit dem Fahrrad fährt, einen Kinderwagen schiebt oder mit einem Rollator unterwegs ist, erlebt oft dieselbe Haltung: Im Zweifel soll er zur Seite, damit der Verkehr nicht aufgehalten wird. Viel zu schnelles Fahren, Hupen, Drängeln, dichtes Überholen und Beschimpfungen sind keine zufälligen Einzelfälle. Sie entstehen dort, wo vermeintliche Ansprüche auf freie Fahrt wichtiger genommen werden als Rücksicht auf andere Menschen.

Ein Dorf ist kein Durchfahrtsraum. Eine Straße ist nicht nur eine Fahrbahn. Dort wohnen Menschen, dort bewegen sich Kinder, dort begegnen sich Alte und Junge, dort fahren Menschen Fahrrad und gehen spazieren. Elterntaxis sind deshalb nicht die Ursache, sondern ein Symptom. Wer über Elterntaxis spricht, sollte zuerst darüber sprechen, warum immer weniger Eltern ihren Kindern den Schulweg zutrauen. In der Samtgemeinde Nienstädt kommt hinzu, dass der Grundschulstandort Seggebruch inzwischen aufgegeben wurde und alle Kinder bereits ab dem ersten Schuljahr nach Nienstädt pendeln müssen. Das verlängert Wege, erhöht das Verkehrsaufkommen und verschärft nicht nur das Elterntaxi-Problem, sondern die Verkehrslage insgesamt. Eine Politik, die Grundschulstandorte auf dem Land schließt und Wege für die Jüngsten verlängert, halte ich für falsch und kurzsichtig – auch, weil sie Aggressivität im Straßenverkehr weiter anheizt, was am Phänomen Elterntaxi ebenfalls sichtbar wird.

Diese Entscheidung stellt aus meiner Sicht den Auftrag einer gerechten Daseinsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger infrage und setzt Zahlen und Verwaltungslogik über die Lebenswirklichkeit von Kindern und Familien. Noch grundsätzlicher ist eine andere Entwicklung: Zu Fuß gehen und Fahrrad fahren waren einmal selbstverständliche Formen der Fortbewegung. Heute wirken sie vielerorts bereits wie Ausnahmen. Wir organisieren unsere Orte, unsere Schulwege und unseren Alltag zunehmend rund um das Auto. Die Folge ist nicht nur mehr Verkehr. Die Folge ist auch, dass Gehen und Radfahren ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Die Selbstverständlichkeit, mit der heute selbst kürzeste Wege von manchen Menschen täglich mit dem Auto zurückgelegt werden, dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Sie muss infrage gestellt und verändert werden. Eine Gesellschaft verliert etwas, wenn das Auto als normal gilt und der Fußweg zur Besonderheit wird. Ich wünsche mir Dörfer, in denen Kinder wieder selbstverständlich zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, in denen ältere Menschen sich sicher bewegen können und in denen Rücksicht wichtiger ist als ein paar Sekunden Zeitgewinn. Die Alternative ist keine autofreie Welt. Die Alternative sind Straßen, die wieder als Lebensräume verstanden werden. Eine Verkehrswende wird nicht dadurch entstehen, dass Politiker das Wort täglich benutzen. Sie wird erst dort sichtbar, wo Kinder wieder selbstständig zur Schule gehen können, ältere Menschen sich sicher bewegen können, Radfahrer nicht an den Rand gedrängt werden und Fußgänger nicht konstant zurückweichen müssen.