Der erste Schultag

Ich wachte gegen vier Uhr auf. Liams Worte waren plötzlich wieder da:

„Es war ganz schön anstrengend.“

Und sofort war die 40-minütige Busfahrt wieder in meinem Kopf.

Ich stand auf und schrieb.

Der erste richtige Schultag war Montag.

Wie immer kommt irgendwann die Frage:

„Wie war der erste Tag?“

„Gut.“

Liam ist unser drittes Enkelkind, das nun zur Schule geht. Grundschule Nienstädt statt Grundschule Seggebruch.

Drei Generationen unserer Familie gingen in Seggebruch zur Schule: ich vor mehr als 50 Jahren, unsere Kinder und unsere ältesten Enkel. Vielleicht auch manche derer, die heute über die Zukunft dieser Schule entschieden haben – ebenso deren Kinder und Enkelkinder.

Liams Generation darf dort nicht mehr hingehen.

Die Grundschule in Seggebruch war über Jahrzehnte Teil des Dorflebens. Kurze Wege, ein vertrautes Umfeld und ein sanfter Übergang in den Schulalltag – all das hätte auch Liam und den anderen Kindern einen guten Start ermöglicht.

Am Montagnachmittag höre ich Liam zu seiner Mutter sagen:

„Es war ganz schön anstrengend.“

Die Rückfahrt von Nienstädt nach Tallensen dauerte am ersten Tag 40 Minuten. Und es ist nicht einmal nur die lange Fahrt. Einige Kinder mussten im Bus dicht gedrängt stehen.

Für einen sechsjährigen Jungen gibt es sicherlich Schöneres.

Diese Worte aus seinem Mund tun weh.

Danke an unsere Räte. Diese „pragmatische Entscheidung“ war sicherlich alternativlos.

Am Sonntag, einen Tag nach der Einschulung, treffe ich ein Ratsmitglied der SPD, das Wahlkampfflyer verteilt. Wir kennen uns persönlich und sind per Du.

„Na, dürfen wir dir den Zettel trotzdem bringen?“

„Ja, natürlich dürft ihr das. Aber ich wähle euch nicht.“

Über die Schule sprechen wir nicht. Von Liams erstem Schultag weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Wir sprechen über die Entwicklung unserer Dörfer und über neue Baugebiete. Sie kennt meine Haltung dazu. Schließlich war ich selbst einmal im Rat und habe mich schon damals gegen den zunehmenden Flächenverbrauch ausgesprochen.

Daran hat sich nichts geändert.

Im Gegenteil.

In Echtorf soll nun eine Splittersiedlung entstehen. Die Gemeinde will dort Grundstücke vermarkten, die ihr selbst schon lange gehören.

Bedarfsgerechte Ortsentwicklung?

Eine vernünftige Siedlungsstruktur?

Nein.

Es geht darum, gemeindeeigene Grundstücke zu verkaufen und Geld in die Gemeindekasse zu bekommen.

Bauen um des Bauens willen.

Weil es den Bauturbo gibt. Und weil man ihn offenbar anwenden kann.

„Aber bei uns im Rat haben wir bisher ja ganz harmonisch zusammengearbeitet“, sagt sie. „Das weißt du doch. Du warst ja auch mal im Rat.“

Ja. Das stimmt.

2016 bin ich mit großem Idealismus als parteiloser Kandidat für die Grünen in den Rat gegangen. Lange habe ich es dort nicht ausgehalten. Zu unerträglich wurde mir diese Harmonie.

Ein anderes Wort für Harmonie ist Opportunismus.

Ist es wirklich die Aufgabe eines Gemeinderates, möglichst harmonisch zu arbeiten?

Nein.

Ein Rat muss um gute Lösungen ringen. Dazu gehört auch Streit. Nicht Streit um des Streites willen, sondern die ernsthafte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen.

Was bei den Schulthemen viele enttäuscht haben dürfte, war deshalb nicht unbedingt die andere politische Auffassung. Enttäuschend war vielmehr, dass sich die Verantwortlichen öffentlich kaum zu einer eigenen Position bekannt haben.

Man hätte durchaus sagen können: Der Standort Seggebruch ist für die erforderliche Ausstattung einer Ganztagsschule finanziell nicht mehr sinnvoll. Das wäre eine politische Abwägung gewesen, über die man offen hätte diskutieren können.

Stattdessen konnte man sich auf die Brandmeldeanlage als Argument zurückziehen und das Thema damit scheinbar endgültig erledigen.

Auch beim gebundenen Ganztag habe ich dieses Muster erlebt: Erst wird eine Entscheidung vorangetrieben. Kommt dann öffentlicher Gegenwind, wird es plötzlich schwierig, eine klare politische Verantwortung dafür zu erkennen.

Politische Verantwortung bedeutet aber, zu einer Entscheidung zu stehen.

Wer einen Schulstandort schließen will, soll das sagen.

Wer ihn aus finanziellen oder strukturellen Gründen für nicht mehr sinnvoll hält, soll das sagen.

Wer neue Baugebiete will, soll ebenfalls sagen, warum.

Aber man sollte sich nicht hinter Sachzwängen verstecken und anschließend so tun, als habe es keine Alternative gegeben.

Wo die Prioritäten liegen, zeigt ein Vergleich.

Über die Edeka-Erweiterung am Bergkrug wurde jahrelang gestritten. Es gab zahlreiche Zeitungsberichte, Diskussionen und Stellungnahmen.

Für neue Feuerwehrhäuser können 15 bis 18 Millionen Euro eingeplant werden. Für die Anpassung des Brandschutzes an einer bestehenden Grundschule steht offenbar kein Geld zur Verfügung.

Die Schulschließung dagegen war ein Durchmarsch. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt. Danach war das Thema erledigt.

Und nun werden neue Bauflächen geschaffen, während gleichzeitig die Infrastruktur für die bestehenden Dörfer abgebaut wird.

Die Wege der Kinder werden länger.

Die Wege für neue Häuser werden kürzer.

Das ist für mich keine nachhaltige Dorfentwicklung.

Dorfentwicklung bedeutet nicht, möglichst viele Häuser auf möglichst viele freie Flächen zu stellen.

Dorfentwicklung bedeutet, einen Ort lebenswert zu erhalten.

Mit Schulen.

Mit kurzen Wegen.

Mit Kindern.

Mit Familien.

Mit einer Infrastruktur, die zu den Menschen passt.

Und mit einem Rat, der nicht nach Harmonie strebt, sondern nach der besseren Lösung.

Für Liam wäre das heute vielleicht ganz einfach gewesen:

„Wie war dein erster Schultag?“

„Gut.“

Und die Schule wäre in Seggebruch geblieben.