Wir Kinder aus der Nachbarschaft waren dort ständig unterwegs – auf den Wiesen, an den alten Hecken, in den kleinen Wäldchen und im Hain selbst. Wir bewegten uns durch eine Landschaft, die noch aus vielen miteinander verbundenen Lebensräumen bestand. Wir kannten ihre Strukturen, ohne ihre ökologische Bedeutung zu kennen: die Wiesen, die nassen Senken, die Hecken, die Kopfweiden und den alten Baumbestand des Hains.
Der Hain lag innerhalb der sogenannten Bruchwiesen. Diese waren damals nahezu durchgängig Grünland und wurden vor allem für die Milchviehhaltung genutzt. Kühe weideten dort, im Sommer wurde Heu für das Winterfutter gemacht. In zahlreichen Senken stand regelmäßig Wasser an der Oberfläche, weil die Flächen kaum drainiert waren.

Für uns Kinder war das einfach die Landschaft, in der wir unterwegs waren. Heute weiß ich, dass diese Verbindung aus Grünland, feuchten Senken, Hecken, Kopfweiden und altem Baumbestand einen vielfältigen Lebensraum bildete. Was wir damals selbstverständlich vorfanden, bot Lebensraum für Fledermäuse, Spechte, Insektenlarven, Amphibien und Vögel.
Die Landschaft war kein Bild. Sie war ein lebendiger Organismus.
Der Verlust
Zu Beginn der 1990er Jahre wurde dieser Hain gerodet.
Ich war damals Anfang beziehungsweise Mitte zwanzig. Die Kindheit, in der dieser Ort für uns so wichtig gewesen war, lag bereits einige Jahre zurück. Aber die Erinnerung an ihn war lebendig geblieben.
An dem Tag, an dem ich die Rodung des Hains aus der Ferne beobachtete, war ich mit meinen Kindern unterwegs. Sie waren damals im Kleinkindalter, hatten den Hain noch nie kennengelernt. Natürlich hatten wir Ausflüge in die Umgebung gemacht, aber sie waren noch zu klein, um sich an ihn zu erinnern. Und doch war es ein Stück ihrer Zukunft, das dort verloren ging.
Ich sah, wie schwere Raupenmaschinen dort arbeiteten. Baum für Baum wurde gefällt. Die Wurzeln wurden herausgerissen, der Boden eingeebnet. Der gesamte Hain wurde beseitigt, um Platz für Ackerland zu schaffen.
Es traf mich wie ein Schlag. Nicht die Tat allein, sondern die Erkenntnis: Selbst dort, wo alle dagegen zu sein schienen, setzte sich die Zerstörung durch. Das veränderte meine Haltung. Vor allem erzeugte es eine bis heute anhaltende Wut – nicht über einzelne Menschen, sondern über diese Rücksichtslosigkeit der Natur gegenüber, die sich hier offenbart hatte.
Der Hain ist überall. Denn die Zerstörung der Landschaft, die Formung nach dem Bild, das der Mensch davon hat, geht weiter. Und die Vergangenheit kennen die neuen Menschen nicht mehr. Es gibt zwar noch solche Haine in der Umgebung – zwar tatsächlich nicht mehr in der näheren Umgebung, aber wenn man mit offenen Augen durch die Landschaft fährt, findet man sie noch. Doch sie sind Relikte, keine Selbstverständlichkeit.
Für mich war das ein Zeugnis der Brutalität, mit der der Mensch Landschaft formt – selbst dort, wo er sie bereits über Jahrhunderte verändert hat.
Denn plötzlich war die Zerstörung, die ich aus den Bildern des Amazonas kannte, nicht mehr irgendwo weit entfernt. Sie fand direkt vor meiner Haustür statt. Nicht in einem fernen Regenwald, sondern in der Landschaft, in der ich aufgewachsen war.
Ich werde denen, die das getan oder ermöglicht haben, eines nicht verzeihen: dass sie diesen Ort zerstört haben.
Und ich werde das bis an mein Lebensende nicht vergessen.
Was einmal als Verlust empfunden wurde, wird zum Normalzustand.

Warum es trotzdem geschah
Von da an war meine Haltung geschärft. Was ich dort erlebt hatte, sollte mein weiteres Leben prägen.
Viele Jahre später sprach ich einmal mit einem der Landwirte darüber – ausgerechnet mit demjenigen, der später gemeinsam mit mir im Gemeinderat saß. Der Acker gehörte ihm zwar nicht, aber er war über Jahrzehnte in die Entscheidungen vor Ort eingebunden gewesen.
Er sagte:
„Wir waren alle dagegen.“
Ich weiß heute nicht mehr genau, auf wen sich dieses „wir“ bezog. Auf den Gemeinderat? Auf die Bewirtschafter? Auf die Dorfgemeinschaft?
Aber eigentlich ist das gar nicht entscheidend.
Denn der Hain war verschwunden.
Alle waren dagegen – und trotzdem geschah es.
Dieser Satz hat sich mir eingeprägt.
Denn wenn das tatsächlich so war, stellt sich eine Frage, die mich bis heute beschäftigt:
Wenn alle dagegen waren – warum konnte es trotzdem geschehen?
Damals konnte ich das noch nicht in politische Kategorien einordnen. Aber ich hatte bereits etwas Entscheidendes erlebt: Es reicht offenbar nicht, dass Menschen etwas nicht wollen. Es reicht nicht einmal, dass viele Menschen etwas nicht wollen.
Wenn diejenigen, die entscheiden, andere Interessen höher gewichten, verschwindet am Ende eben doch der Hain.
Bürgerbeteiligung ist erst dann echt, wenn sie Macht verlagert – nicht nur Meinungen sammelt.
Landschaft ist kein Bild
Wer den Hain nicht gekannt hat, weiß heute nicht, was dort einmal verloren gegangen ist.
Mit ihm verschwanden nicht nur die großen Eichen und Kastanien. Es verschwanden Baumhöhlen, Totholz, alte Gehölzstrukturen – und damit die Lebensräume für Fledermäuse, Spechte, Insektenlarven. Wo früher Wasser in den Senken stand, wurde der Boden drainiert. Wo Grünland Weideflächen bot, entstand Acker. Jede dieser Veränderungen verringerte die Vielfalt. Und jede verringerte Vielfalt machte die nächste Rodung leichter.
Heute ist dort Acker.
Wer später hier aufgewachsen ist, kennt nur diese Ackerfläche. Er weiß nicht, dass dort einmal ein Hain stand. Er weiß nicht, dass die Bruchwiesen früher nahezu vollständig aus Weideland bestanden. Er weiß nicht, dass in den Senken Wasser stand und welche Lebensräume dadurch entstanden.
Und er weiß deshalb auch nicht, was mit ihrer Beseitigung verloren gegangen ist.
So wird das, was einmal als Verlust empfunden wurde, zum Normalzustand. Und dieser Normalzustand wird zum Maßstab für das, was man künftig noch für vertretbar hält.
Jede neue Generation von Räten beginnt damit, ihren eigenen Maßstab zu setzen. Sie entscheidet über die Landschaft, die sie vorfindet, ohne zu wissen, was Generationen vor ihr bereits beseitigt haben.
Was längst verschwunden ist, steht in keiner Abstimmung mehr zur Debatte.
Und genau deshalb kann eine Landschaft immer weiter ärmer werden, ohne dass jemand den nächsten Verlust noch als solchen erkennt.
Energie und Verantwortung
Auch die Energiewende verändert unsere Landschaft.
Windkraftanlagen, Biogasanlagen und Freiflächen-Photovoltaik brauchen Fläche. Die Energiewende ist notwendig. Aber auch hier entscheidet sich an der konkreten Umsetzung, ob Landschaft lediglich als Fläche betrachtet wird oder ob sie ihren Wert behält.
Gerade bei Freiflächen-Photovoltaik wird häufig die Chance verschenkt, Energiegewinnung und ökologischen Nutzen miteinander zu verbinden. Ein positives Beispiel sind Anlagen, wo unter und zwischen den Modulreihen artenreiche Blühstreifen angelegt wurden, die Insekten und Vögeln Lebensraum bieten.
Stattdessen werden Flächen oft eingeebnet und mit einer einfachen, regelmäßig gemähten Vegetation versehen – obwohl es technisch möglich wäre, artenreiche Lebensräume zu schaffen. Die Entscheidung für die billigste Lösung ist keine technische, sondern eine wirtschaftliche. Und sie zeigt: Auch die Energiewende folgt dem Prinzip, Landschaft als Fläche zu betrachten, nicht als Lebensraum.
Der Bauturbo: Landschaft als Baufläche
Auch heute steht für viele Politiker nur eines im Vordergrund: der sogenannte Bauturbo. Man will bauen. Bauen um des Bauens willen. Bauen, um einzelnen Leuten Geschenke zu machen. Die restlichen Flächen werden auf dem Silbertablett serviert.
Es ist dasselbe Muster wie damals: Was kurzfristig nützt, setzt sich durch – selbst wenn es langfristig schadet. Die Argumente klingen modern – Wohnraum schaffen, Wirtschaft stärken, Infrastruktur ausbauen. Doch die Methode bleibt gleich: Landschaft wird als Fläche betrachtet, nicht als Lebensraum.
Und wieder sind es diejenigen, die entscheiden, die andere Interessen höher gewichten. Die Folgen tragen die nächsten Generationen. Die Flächen, die heute verbaut werden, sind morgen unwiederbringlich verloren. Und was heute als Fortschritt gilt, wird in zwanzig Jahren vielleicht als Fehler erkannt – wenn es zu spät ist.
Der Bauturbo ist nur der aktuelle Name für ein altes Prinzip: Die Landschaft weicht dem, was der Mensch gerade braucht.
Bürgerbeteiligung
Und damit bin ich wieder bei dem Wort, das mir in diesem Kommunalwahlkampf überall begegnet:
Bürgerbeteiligung.
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit kommunalen Entscheidungen im Landkreis Schaumburg. Ich habe erlebt, wie Bürger gegen Vorhaben argumentieren, die ihre Umgebung verändern. Ich habe erlebt, wie Einwände vorgetragen, gesammelt, geprüft und anschließend trotzdem Entscheidungen getroffen wurden.
Eine Entscheidung, bei der der Bürgerwille ein Vorhaben tatsächlich verhindert oder grundlegend verändert hätte, habe ich dabei nicht erlebt.
Im Gegenteil.
Allzu oft entsteht irgendwann der Eindruck, dass diejenigen, die widersprechen, nicht mehr als Bürger wahrgenommen werden, deren Meinung ernst genommen werden soll.
Sie werden zum Störfaktor.
Zum Problem.
Zu denjenigen, die etwas verhindern wollen.
Dabei ist Widerspruch in einer Demokratie kein Störgeräusch.
Widerspruch ist Bürgerbeteiligung.
Bürgerbeteiligung beginnt dort, wo Bürgerwille eine Entscheidung tatsächlich verändern kann.
Wenn Bürger ihre Meinung sagen dürfen, die Entscheidung aber bereits im Rat oder in der Verwaltung feststeht, ist das keine Beteiligung. Dann ist es eine Anhörung – und die dient nur dazu, den Anschein von Legitimation zu erzeugen. Denn wer Einwände sammelt, ohne sie zu berücksichtigen, hat die Macht, nicht die Bürger.
Deshalb interessiert mich vor dieser Kommunalwahl weniger, wer überall „Bürgerbeteiligung“ auf seine Plakate schreibt.
Mich interessiert eine andere Frage:
Was passiert, wenn die Bürger tatsächlich Nein sagen?
Werden Pläne dann verändert?
Werden Alternativen ernsthaft geprüft?
Wird ein Vorhaben noch einmal grundsätzlich infrage gestellt?
Oder steht die Entscheidung längst fest und die Bürger dürfen dabei zusehen, wie sie umgesetzt wird?
Denn Bürgerbeteiligung ist kein schönes Wort auf einem Wahlplakat.
Sie ist erst dann etwas wert, wenn Bürger mit ihrem Willen tatsächlich etwas verändern können.
Sonst ist sie genau das, was sie allzu oft zu sein scheint:
Ein Wort.
Ein demokratisch klingendes Wort.
Aber eben nur ein Wort.
