Man hört es, bevor man es versteht

Ich habe zuerst die Musik gehört und erst danach den Text gelesen. Bei Motörheads „God Was Never on Your Side“ und „I Don’t Believe a Word“ war das ein merkwürdiges Erlebnis, denn der Text hat mir nichts Neues gesagt. Die Musik hatte es mir schon gesagt: langsam, schwer, ohne Eile, darüber eine müde, raue Stimme, die nichts mehr beschönigt. Hier schreit niemand, hier hat jemand zu Ende gedacht.


Das fällt auf, weil es selten ist. Wir sind umgeben von Dingen, die schön klingen und nicht stimmen. Wahlkampfreden, Werbeversprechen, Betriebsfeiern, Predigten. Es gibt auch Musik, die lügt, glatt produziert, auf Gefühl berechnet und für den Moment gebaut. Aber hier passt der Klang zum Inhalt.


Das erste Lied sagt: Gott war nie auf deiner Seite. Es gibt keinen Retter, kein Zeichen von oben, keinen, den man fragen kann. Wer sich auf Himmel und Hölle verlässt, wartet vergebens, und die „Ministerien“ des Glaubens leben davon, dass man weiter wartet. Die Folgerung: Was richtig und falsch ist, musst du selbst entscheiden.


Das zweite Lied zeigt, was dieser Satz kostet. Wer keinem Trost, keiner Liebesbeteuerung und keinem Gerechtigkeitsversprechen mehr glaubt, ist am Ende allein, in leeren, heulenden Räumen, wie es dort heißt. Das erste Lied endet mit Mündigkeit, das zweite mit Einsamkeit.
Ich kenne dieses Misstrauen. Einundvierzig Jahre habe ich in Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit und Brandschutz gearbeitet, und mein Beruf bestand darin, Versprechen mit der Wirklichkeit abzugleichen: Was auf dem Papier steht, stimmt es auch an der Maschine?

Wer das lange macht, lernt, Zusagen nicht für bare Münze zu nehmen.


Aber es betrifft nicht nur mich. Die Heilsversprecher haben nur das Kostüm gewechselt. Es sind nicht mehr nur Kirchen, es sind Konzerne, die Verzicht von der Belegschaft verlangen, Politiker, die Sicherheit versprechen und Beton liefern, Lautsprecher aller Art, die jede Stunde eine neue Rettung anpreisen. Jeder will getröstet, geführt und gewonnen werden, und fast immer geht es dabei um Geld oder Macht. Ich bin Zyniker genug, um das für den Normalzustand zu halten.


Aber Zynismus ist nicht das letzte Wort. Hans Fallada hat 1947 einen Roman veröffentlicht, der „Jeder stirbt für sich allein“ heißt, und der Titel stimmt. Niemand nimmt uns das Sterben ab, kein Gott, keine Partei, keine Firma. Wenn das so ist, muss man sich bis dahin auch nichts vormachen lassen. Otto und Anna Quangel glauben der Propaganda ihrer Zeit kein Wort und schreiben Postkarten gegen sie. Sie sind keine Helden, sie sind kleine Leute, und sie bezahlen dafür mit dem Leben. Aber sie tun es zu zweit, und sie tun es nicht umsonst, weil sie sich nicht belogen und nicht mitgemacht haben.


Das Misstrauen schützt vor Lügen, aber es wärmt nicht. Das Weitermachen, zu zweit, wärmt ein wenig.


Die Musik hat mich früher erwischt als die Worte. Wer einmal gehört hat, wie Wahrheit klingt – ungeschmückt, unverkauft –, hört das Falsche schneller heraus. In Liedern, in Reden, in den Versprechen von oben.

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