Unsere Helden von der Enterprise

Zum Tod von Walter Koenig (1936–2026) und Patrick Stewart (1940–2026)

Innerhalb von nur vier Tagen sind zwei Schauspieler gestorben, die für Generationen von Fernsehzuschauern untrennbar mit Star Trek verbunden waren.

Am 25. Oktober starb Walter Koenig im Alter von 90 Jahren, der Pavel Chekov aus der ursprünglichen Enterprise-Besatzung.

Drei Tage später folgte Patrick Stewart, der als Captain Jean-Luc Picard Fernsehgeschichte schrieb. Er wurde 86 Jahre alt.

Zwei Schauspieler aus unterschiedlichen Generationen der Enterprise. Und doch gehören sie für viele von uns zusammen.

Anfang der siebziger Jahre gehörte Raumschiff Enterprise für mich zum Samstagabend. Erst ging es in die Badewanne, anschließend durfte ich die Serie sehen. Das war über längere Zeit ein festes Ritual meiner Kindheit.

Star Trek Original Series Intro (HQ)

Captain Kirk, Mr. Spock, Pille, Scotty, Sulu, Chekov und Uhura. Das waren unsere Helden.

Sie flogen durch das Weltall, begegneten fremden Lebensformen und verfügten über technische Möglichkeiten, die damals unvorstellbar erschienen.

Für Kinder und Jugendliche war das ein Abenteuer. Eine Zukunft, in der die Grenzen des Vorstellbaren immer wieder überschritten wurden.

Walter Koenig gehörte seit 1967 zu dieser Besatzung. Als junger russischer Navigator stand er auf der Brücke eines amerikanischen Raumschiffs. Mitten im Kalten Krieg war das bemerkenswert. Während sich auf der Erde die politischen Machtblöcke gegenüberstanden, arbeiteten auf der Enterprise Menschen unterschiedlicher Herkunft selbstverständlich zusammen.

Damals interessierte uns vor allem, wohin die nächste Reise führte.

Heute erkennen wir darin auch eine Vorstellung davon, wie die Menschheit miteinander umgehen könnte.

Als 1987 mit Star Trek: The Next Generation eine neue Besatzung die Enterprise übernahm, war ich zunächst skeptisch. Ein neuer Captain? Eine neue Enterprise? Das konnte doch nur ein billiger Abklatsch werden.

Ich habe die Serie anfangs kaum verfolgt.

Erst der erste Kinofilm mit der neuen Besatzung änderte meine Meinung. Patrick Stewart hatte mit Jean-Luc Picard eine Figur geschaffen, die Captain Kirk nicht ersetzen musste.

Picard war anders. Ruhiger, nachdenklicher, diplomatischer. Ein Captain, der nicht jede Auseinandersetzung gewinnen wollte, sondern zunächst versuchte, sie zu verstehen.

Mit zunehmendem Alter wurden für mich auch die philosophischen Fragen von Star Trek immer interessanter.

Da war Q, dieses nahezu allmächtige Wesen, das die Menschheit immer wieder mit ihren eigenen Widersprüchen konfrontierte.

Und da waren die Borg.

Eine Zivilisation, die andere Lebensformen assimiliert, ihre Individualität auslöscht und ganze Welten nach ihren Bedürfnissen umgestaltet.

„Widerstand ist zwecklos.“

Vielleicht sind uns die Borg gar nicht so fremd.

Auch wir Menschen gestalten unseren Planeten unaufhörlich um. Wälder verschwinden, Böden werden versiegelt, Landschaften zerschnitten. Alles wird erschlossen, nutzbar gemacht und verwertet.

Fast immer gibt es dafür gute Gründe. Wirtschaftliche Entwicklung, Arbeitsplätze, Wohnraum, Versorgung, Fortschritt.

Jede einzelne Entscheidung erscheint nachvollziehbar. Erst in ihrer Summe wird sichtbar, was wir damit anrichten.

Die Borg handeln als Kollektiv. Wir Menschen halten uns für frei und selbstbestimmt. Und dennoch entsteht aus unseren unzähligen Einzelentscheidungen etwas, das sich kaum noch aufhalten lässt.

Niemand scheint es wirklich zu wollen. Aber alle machen mit.

Widerstand ist zwecklos?

Vielleicht liegt gerade in diesem Fragezeichen der Unterschied.

Wir können unser Handeln hinterfragen. Wir können Entscheidungen ändern. Wir können auf etwas verzichten, obwohl es technisch möglich und wirtschaftlich vorteilhaft wäre.

Patrick Stewart hat mit Captain Picard eine Figur verkörpert, die für diese Fähigkeit stand. Einen Menschen, der nicht allein auf die Macht seiner Technik vertraute, sondern auf Vernunft und Verantwortung.

Walter Koenig wiederum gehörte zu jener ersten Besatzung, die uns überhaupt erst auf diese Reise mitgenommen hatte. Sein Chekov war jung, manchmal etwas vorlaut und voller Begeisterung. Dass ausgerechnet ein Russe auf der Brücke der Enterprise seinen festen Platz hatte, war damals auch ein Zeichen der Hoffnung.

Viele ihrer damaligen Weggefährten sind bereits gestorben. Leonard Nimoy als Mr. Spock, DeForest Kelley als Pille, James Doohan als Scotty und Nichelle Nichols als Uhura. Nun nehmen wir auch Abschied von Walter Koenig, unserem Chekov. Von der ursprünglichen Stammbesetzung leben noch William Shatner als Captain Kirk und George Takei als Sulu.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn die Helden der eigenen Kindheit nach und nach verschwinden.

Sie waren keine Menschen, die wir persönlich kannten. Und doch waren sie über Jahrzehnte vertraut. Sie gehörten zu einer Zeit, in der die Zukunft noch weit entfernt lag und beinahe grenzenlos erschien.

Walter Koenig und Patrick Stewart haben auf unterschiedliche Weise dazu beigetragen, diese Zukunft vorstellbar zu machen.

Die technische Welt von Star Trek ist uns inzwischen in mancher Hinsicht erstaunlich nahegekommen. Wir tragen Computer in der Hosentasche und sprechen mit Maschinen, die uns antworten.

Die Vorstellung einer Menschheit, die ihre Konflikte mit Vernunft löst und verantwortungsvoll mit ihrer Umwelt umgeht, ist dagegen noch immer weit entfernt.

Wenn ich heute an die Enterprise denke, sehe ich noch immer den Jungen, der frisch gebadet am Samstagabend vor dem Fernseher saß.

Damals wollten wir wissen, welche fremden Welten die Menschheit eines Tages entdecken würde.

Heute müssen wir uns fragen, was bis dahin von unserer eigenen Welt übrig bleiben wird.

‚Engage!‘ The Enterprise NCC-1701-D returns with her (old) crew