Die einen können nicht. Die anderen wollen nicht.

Über Klimaschutz, Geld und die Frage, wie viel Gleichgültigkeit wir aushalten müssen.

Vor einigen Tagen war ich bei einem Vortrag von Lea Dohm über Klimawandel und Resilienz. Dabei ging es auch um Ambiguitätstoleranz. Ein etwas sperriger Begriff für die Fähigkeit, Widersprüche, Unsicherheiten und unterschiedliche Überzeugungen auszuhalten, ohne sich davon dauerhaft belasten zu lassen.

Gerade beim Klimawandel ist das nicht einfach. Man beschäftigt sich mit den Folgen, versucht selbst etwas zu verändern und erlebt gleichzeitig, dass andere Menschen ganz andere Prioritäten setzen.

Darüber haben meine Frau und ich gesprochen.

Wir kennen das aus unserem Alltag. Wenn ich über den Klimawandel spreche, bekommt meine Frau manchmal ein schlechtes Gewissen. Sie sagt dann beispielsweise, dass sie nicht mehr fliegen möchte. Aber nicht unbedingt, weil sie selbst zu dieser Überzeugung gekommen ist. Sondern weil meine Argumente bei ihr ein schlechtes Gewissen ausgelöst haben.

Das möchte ich nicht. Wir müssen nicht in allem einer Meinung sein. Und ich möchte auch nicht, dass wir uns zu Hause über Dinge streiten, die wir beide allein ohnehin nicht lösen können.

Trotzdem bleibt die Frage, wie weit diese Toleranz reichen kann.

Was würde ich mit mehr Geld machen?

In unserem Gespräch stellte ich mir vor, plötzlich über deutlich mehr Geld zu verfügen. Nicht gleich über Millionen. Sondern in mehreren Stufen, von denen jede weitere finanzielle Möglichkeiten eröffnen würde.

Zuerst würde ich die geplante Wärmepumpe verwirklichen, ohne dafür einen erheblichen Teil unserer Ersparnisse einsetzen zu müssen. Danach kämen weitere energetische Verbesserungen an unserem alten Haus. Maßnahmen, die sinnvoll sind, die wir aber nicht alle gleichzeitig bezahlen können.

Mit noch mehr Geld würde ich das Haus umfassender modernisieren. Vielleicht würden wir irgendwann auch darüber nachdenken, an einen Ort zu ziehen, an dem es im Winter wärmer ist.

Erst danach kämen Dinge, die man tatsächlich als Luxus bezeichnen könnte.

Natürlich ist das ein Gedankenspiel. Niemand weiß genau, wie er sich verhalten würde, wenn er plötzlich sehr vermögend wäre.

Aber ich weiß, welche Entscheidungen wir bisher getroffen haben.

Vor fast zwanzig Jahren haben wir eine Photovoltaikanlage installiert. Auch Solarthermie gehört schon lange zu unserem Haus. Wir haben in Dämmung und neue Fenster investiert. Seit gut zwei Jahren fahren wir elektrisch.

Nicht alles davon geschah ausschließlich aus Klimaschutzgründen. Wirtschaftlichkeit, Komfort und technische Überlegungen spielten ebenfalls eine Rolle. Aber der Wunsch, fossile Energien möglichst zu vermeiden, war immer dabei.

Heute beschäftigen wir uns mit der nächsten großen Investition. Die alte Ölheizung soll durch eine Wärmepumpe ersetzt werden. Die technische Planung läuft.

Das Geld dafür ist vorhanden. Wir könnten die Investition sofort finanzieren, und eine finanzielle Reserve bliebe uns trotzdem. Allerdings wäre danach kaum noch Geld für Luxus oder unnötigen Konsum übrig.

Für uns ist das eine Frage der Prioritäten. Wir müssen entscheiden, wofür wir unser Geld einsetzen wollen. Und genau diese Frage stellt sich auch bei Menschen, die finanziell sehr viel mehr Möglichkeiten haben.

Und wenn Geld keine Rolle spielt?

Nun stelle ich mir jemanden vor, der diese finanziellen Einschränkungen nicht hat.

Jemand, der ein großes Haus besitzt, ein schweres Auto mit Verbrennungsmotor fährt und weiterhin mit Öl oder Gas heizt. Vielleicht ist das Haus schlecht gedämmt. Das Geld für Veränderungen wäre vorhanden.

Aber diese Person sieht keinen Grund dazu.

Die Heizung funktioniert doch noch. Warum sollte sie ausgetauscht werden? Das Auto fährt gut. Warum sollte man etwas anderes kaufen? Und die energetische Sanierung kostet schließlich Geld, das man lieber für andere Dinge verwendet.

Natürlich kann es vernünftige Gründe geben, eine funktionierende Heizung zunächst weiterzubetreiben oder eine Sanierung aufzuschieben. Nicht jede Investition ist zu jedem Zeitpunkt sinnvoll.

Mich beschäftigt die Haltung dahinter.

Was ist, wenn jemand die Möglichkeiten hat, etwas zu verändern, aber nicht einmal darüber nachdenken möchte?

Muss ich auch das einfach aushalten?

Die ungleichen Möglichkeiten

Wie unterschiedlich diese Möglichkeiten verteilt sind, zeigen die Zahlen.

Nach Berechnungen von Oxfam und dem Stockholm Environment Institute verursachte das reichste Prozent der Weltbevölkerung im Jahr 2019 rund 15,9 Prozent der weltweiten konsumbezogenen CO₂-Emissionen. Das entspricht etwa den Emissionen der ärmsten 66 Prozent der Menschheit.

Pro Kopf verursachte ein Mensch aus dem reichsten Prozent durchschnittlich etwa 76 Tonnen CO₂ im Jahr. Bei den Menschen aus der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung waren es dagegen nur 0,7 Tonnen.

Es handelt sich um modellierte Durchschnittswerte. Sie sagen nichts über das Verhalten jedes einzelnen Menschen aus. Aber sie zeigen, wie ungleich die Belastung des Klimas verteilt ist.

Bei Milliardären kommt ein weiterer Faktor hinzu. Oxfam schätzt, dass die einem durchschnittlichen Milliardär über Unternehmensbeteiligungen zugerechneten Emissionen rund 1,9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente jährlich erreichen können.

Hier geht es längst nicht mehr nur um große Autos, Flugreisen oder beheizte Swimmingpools.

Es geht um wirtschaftlichen Einfluss.

Wer über erhebliche Vermögen verfügt, kann investieren, Unternehmen beeinflussen und wirtschaftliche Entwicklungen mitgestalten. Diese Möglichkeiten hat jemand, der jeden Euro für die nächste Heizkostenrechnung zusammenhalten muss, nicht.

Auch Staaten haben unterschiedliche Möglichkeiten

Was für einzelne Menschen gilt, lässt sich auch bei Staaten beobachten.

In wohlhabenden Ländern wie den USA, Kanada oder Australien liegen die jährlichen CO₂-Emissionen pro Einwohner erheblich über denen vieler ärmerer Länder. Besonders deutlich wird das bei einigen öl- und gasreichen Staaten.

Dabei verfügen gerade wirtschaftlich starke Länder über die technischen und finanziellen Möglichkeiten, Veränderungen voranzutreiben.

Trotzdem kommen viele nur langsam voran. Der Climate Action Tracker bewertet die Klimapolitik verschiedener wohlhabender Länder weiterhin als unzureichend.

Auch bei der internationalen Klimafinanzierung zeigt sich dieser Widerspruch. Bereits 2009 hatten die Industriestaaten zugesagt, ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Klimaschutz in ärmeren Ländern zu mobilisieren. Erreicht wurde dieses Ziel erstmals 2022.

Auf der Klimakonferenz in Baku wurde 2024 ein neues Ziel von mindestens 300 Milliarden Dollar jährlich bis 2035 vereinbart. Die Entwicklungsländer hatten erheblich mehr gefordert.

Gleichzeitig werden fossile Energien weiterhin finanziell begünstigt.

Der Internationale Währungsfonds bezifferte die direkten Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahr 2024 auf rund 725 Milliarden Dollar. Hinzu kamen nach seinen Berechnungen rund 6,7 Billionen Dollar an sogenannten indirekten Subventionen. Dazu zählen insbesondere nicht eingepreiste Umwelt-, Klima- und Gesundheitsschäden sowie weitere gesellschaftliche Kosten.

Diese indirekten Subventionen sind keine staatlichen Auszahlungen. Sie beschreiben Kosten, die nicht vollständig von den Verursachern getragen werden.

Auch hier stellt sich die Frage, warum vorhandene Möglichkeiten nicht konsequenter genutzt werden.

Warum führt mehr Geld nicht automatisch zu mehr Verantwortung?

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger überzeugt mich die Vorstellung, dass Menschen mit wachsendem Wohlstand zwangsläufig verantwortungsbewusster handeln.

Mehr Geld eröffnet Möglichkeiten. Es schafft aber keine Überzeugungen.

Wer genügend Geld besitzt, kann steigende Energiepreise leichter verkraften. Er kann sein Haus klimatisieren, häufiger verreisen oder sich einen anderen Wohnort suchen. Manche Folgen des Klimawandels lassen sich für wohlhabende Menschen zumindest zeitweise abmildern.

Andere Menschen können das nicht.

Hinzu kommen wirtschaftliche Interessen. Wer mit fossilen Energien Geld verdient, hat möglicherweise wenig Interesse daran, dass diese Geschäftsgrundlage verschwindet.

Aber auch das erklärt nicht alles.

Es gibt vermögende Menschen, die erhebliche Mittel für Klimaschutz einsetzen. Und es gibt Menschen mit geringem Einkommen, die sich wenig Gedanken darüber machen.

Vermögen allein entscheidet nicht über Verantwortungsbewusstsein. Es entscheidet allerdings erheblich darüber, welche Möglichkeiten jemand hat, aus seiner Haltung Konsequenzen zu ziehen.

Zurück zur Ambiguitätstoleranz

Damit bin ich wieder bei unserem Gespräch und dem Vortrag von Lea Dohm.

Ich verstehe den Gedanken, dass man lernen muss, unterschiedliche Überzeugungen auszuhalten. Wer sich über jede klimapolitische Entscheidung, jede Flugreise und jedes große Auto aufregt, wird irgendwann kaum noch zur Ruhe kommen.

Aber bedeutet das auch, dass ich es widerspruchslos hinnehmen soll, wenn jemand über erhebliche finanzielle Möglichkeiten verfügt und sich trotzdem jeder Veränderung verweigert?

Ich kann akzeptieren, dass andere Menschen anders denken und dass ich sie nicht verändern kann.

Aber muss ich deshalb ihre Entscheidungen für gleichermaßen verantwortbar halten?

Gerade beim Klimawandel geht es nicht ausschließlich um persönliche Vorlieben. Die Folgen unseres Handelns bleiben nicht bei uns selbst.

Wer sich für ein großes Auto entscheidet, verursacht damit möglicherweise höhere Emissionen. Und wer über sehr viel Geld verfügt, kann unter Umständen Entscheidungen beeinflussen, deren Folgen weit über das eigene Leben hinausreichen.

Und ich selbst?

Ich bin 61 Jahre alt und in meinem ganzen Leben vielleicht viermal geflogen.

Wenn wir mehr Geld hätten, würde ich möglicherweise auch noch einmal mit meiner Frau in ein Flugzeug steigen. Nicht, weil mir der Klimawandel plötzlich gleichgültig wäre, sondern weil wir vielleicht noch etwas von der Welt sehen möchten.

Ich weiß, dass auch dieser Flug Emissionen verursacht.

Aber ich sehe einen Unterschied zwischen einer gelegentlichen Reise und einem Lebensstil, bei dem Flugreisen oder sogar Privatjets zur Selbstverständlichkeit gehören.

Trotzdem bleibt die Frage, wo genau dieser Unterschied liegt.

Wie viele Flugreisen sind vertretbar? Eine im Leben? Eine im Jahr? Und wer entscheidet das?

Wenn ich mir selbst gelegentlich eine Ausnahme zugestehe, muss ich auch darüber nachdenken, nach welchen Maßstäben ich die Entscheidungen anderer Menschen beurteile.

Vielleicht liegt der Unterschied nicht allein in der Zahl der Flüge. Vielleicht liegt er auch darin, ob man sich der Folgen bewusst ist, Alternativen prüft und bereit ist, das eigene Verhalten zu hinterfragen.

Das ändert nichts an den Emissionen eines einzelnen Fluges. Aber es sagt etwas darüber aus, wie selbstverständlich man die eigenen Wünsche über andere Interessen stellt.

Zwischen Gelassenheit und Gleichgültigkeit

Wir sollen lernen, Widersprüche auszuhalten, damit wir an ihnen nicht krank werden. Gleichzeitig sollen wir Verantwortung übernehmen, Missstände benennen und Veränderungen anstoßen.

Ich möchte meine Frau nicht mit meinen Überzeugungen belasten. Ich möchte auch nicht jeden Menschen, der anders lebt als ich, zum Gegner machen.

Aber ich möchte ebenso wenig gleichgültig werden gegenüber dem, was um uns herum geschieht.

Es gibt Menschen, die würden gerne mehr tun, können es sich aber nicht leisten. Und es gibt Menschen, die könnten sehr viel mehr tun, sehen aber keinen Grund dazu.

Vielleicht besteht Ambiguitätstoleranz nicht darin, alles hinzunehmen. Sondern darin, Widersprüche auszuhalten, ohne aufzuhören, sie zu benennen.

Wie kann man lernen, mit dem Verhalten anderer Menschen zu leben, ohne sich irgendwann auch mit dessen Folgen abzufinden?