Der Wal, der es tat

Ein Gastbeitrag von Claudia Müller, Essen


Der Wal, der es tat

Es schien, als wolle er Hilfe suchen, als er plötzlich aus den Tiefen des Ozeans vor unseren Augen auftauchte.


Es schien, als wolle er uns zeigen, was menschliche Gier und Rücksichtslosigkeit anrichten mit ihm und Ungezählten seiner Artgenossen.


Es schien, als wolle er uns darum bitten, ihm die Fesseln des Netzes abzunehmen, in dem er gefangen war.


Es schien, als wolle er uns mit seinen nächtelangen Klagerufen deutlich machen, wie sehr er leidet.


Es schien, als wolle er seine Dankbarkeit äußern, als Menschen sich bemühten, seine Not zu lindern.


Es schien, als wolle er sagen: „Schaut her, ich habe verstanden“, als er freiwillig in sein Rettungsschiff schwamm.


Es schien, als wolle er uns zu verstehen geben: „Ich gehe erst, wenn ich nah genug bei meiner Heimat bin“, als ihm das Tor zur Freiheit schon offenstand.


Es schien, als wolle er sich von uns verabschieden, als er im offenen Meer noch einmal eine Fontäne in den Himmel blies.


Es war, als wolle er ein letztes Mal dokumentieren, was Menschen der Natur und ihren Geschöpfen antun, als er tot vor unseren Augen ganz nah am Strand lag.


Ein Wal kann das nicht?

Er hat es getan.



© Claudia Müller, Essen


Der Wal, die fehlenden Muscheln und die leisen Zeichen der Ostsee


Am Strand des Naturschutzgebietes „Grüner Brink“ steht eine Tafel. Sie zeigt, was man hier finden kann: Herzmuscheln, Miesmuscheln, Sandklaffmuscheln. Donnerkeile. Feuersteine. Bernsteine. Und vieles mehr.

Susanne und ich haben in einer Woche keine einzige Muschel gefunden – hier und an anderen Stränden der Region, auf Fehmarn und in Heiligenhafen.


Ein paar Kilometer weiter haben wir die Baustelle des Fehmarnbelt-Tunnels besichtigt. Riesige Mengen an Boden werden dort bewegt. Enorme Mengen Meeresboden. Baggerschiffe und Transportschiffe sind in stetigem Betrieb. Das Verkehrsaufkommen ist so groß, dass eigens neue Radaranlagen errichtet wurden.


Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, weiß ich nicht.


Der Wal war eine Botschaft, die alle gesehen haben.

Die Muscheln verschwinden lautlos.

In den Medien bekam er den Namen „Timmy“, als wäre er ein Haustier.

Ich habe diese Benennung und die Frage, was sie über uns erzählt, mit mir getragen, ohne eine Antwort zu finden.