Es ist ja noch genug da

Frag einen alten Mann aus dem Dorf, wie es hier früher aussah.
Er zeigt nach draußen:
„Dort, wo heute das Neubaugebiet liegt, waren Wiesen. Dahinter Acker. Bis zum Waldrand war nichts.“

Sein Enkel sagt:
„Hier sieht es aus wie immer.“

Beide haben recht.
Sie zählen nur von unterschiedlichen Tagen an.

Jede Generation hält für selbstverständlich, was sie als Kind vorfand. Was vorher verschwand, gehört nicht mehr zur Erinnerung. So wird aus einem Verlust über Jahrzehnte kein Verlust mehr.

Das erklärt den Satz, der in jeder Diskussion fällt:
Es ist ja noch genug da.

Der alte Mann spricht am Anfang seiner Erinnerung selbst von einem „Nichts“:
„Bis zum Waldrand war nichts.“
Jeder versteht, was gemeint ist: keine Häuser, keine Straßen. Nur Wiesen, Äcker, Weiden. Freie Landschaft.

Dieses Nichts war nie leer.
Dort wuchs Getreide, weideten Tiere, versickerte Regen. Feldraine, Gräben, Hecken gliederten die Fläche. Was aus der Ferne leer aussah, war ein dichtes Gefüge aus Lebensräumen.

Ich sah, wie der Eichen- und Kastanienhain verschwand. Bäume, die Jahrzehnte gestanden hatten, wurden mit Planierraupen aus dem Boden gerissen.
Ein Landwirt, der damals im Gemeinderat saß, sagte später:
„Wir waren alle dagegen.“
Geschehen ist es trotzdem.

Nicht die Rodung allein blieb mir im Gedächtnis.
Sondern dass ein ganzer Rat etwas nicht wollte – und der Hain trotzdem verschwand.
Es fehlte nicht an Einsicht.
Es fehlte an einer Stelle, an der sie verbindlich wurde.

So verändert sich eine Landschaft:
Nicht durch eine große Entscheidung.
Sondern durch viele kleine.

Immer nur ein Acker.
Immer nur eine Wiese.
Immer nur eine Hecke.
Immer nur ein Baugebiet.

Jede Entscheidung für sich erscheint vernünftig. Wohnraum, Arbeitsplätze, Straßen – Interessen werden abgewogen.
Doch der Fehler liegt nicht in der einzelnen Entscheidung.
Sondern darin, dass nie ihre Summe betrachtet wird.

In der Samtgemeinde Nienstädt verschwanden in 25 Jahren 155 Hektar Freifläche.
Nicht durch einen Beschluss.
Durch viele.

Der einzelne Acker war nie das Problem.
Die Reihe war es.

Unsere Planungsverfahren entscheiden über jede Fläche einzeln. Die Landschaft als Ganzes entscheidet nirgends mit.

Daher die Begründungen:
Es ist ja noch genug da.
Es ist vertretbar.
Es betrifft ja nur diese Fläche.

Jeder Satz kann für sich stimmen.
Falsch werden sie erst in ihrer Summe.

Was verschwindet, sieht oft nach nichts aus.
Und gerade deshalb verschwindet es so leicht.

Es ist ja noch genug da war einmal richtig.
Heute beschreibt der Satz weniger die Wirklichkeit als unsere Erinnerung.

Der alte Mann, der aufzählt, was fehlt, ist nicht klüger als seine Enkel. Vieles, was er vermisst, verschwand in seiner eigenen Lebenszeit.
Er ist nur der Letzte, der beide Landschaften noch kennt.
Mit ihm verschwindet der Vergleich.
Dann bleibt nur noch der Acker, über den heute entschieden wird.
Und der Satz, gegen den weiterhin niemand Einwände erhebt:
Es ist ja noch genug da.