Vor einigen Wochen stand ich mit meiner Frau auf dem Friedhof. Sie wollte Blumen auf das Grab ihrer Mutter bringen. Während sie dort beschäftigt war, ging ich ein Stück weiter. Geboren 1920. Gestorben 1999.
Unser alter Meister. Ich blieb einen Moment stehen. Fast fünfundvierzig Jahre waren vergangen. Und plötzlich war ich wieder sechzehn.
1981 begann meine Lehre. Man tritt durch die Tür der Werkhalle, und dieser Geruch ist sofort da. Damals war er einfach nur da: leicht pilzartig, eine Mischung aus Kühlmittel, Öl und vielem anderen. Metall selbst riecht nicht. Ein Metallbetrieb schon. Als Lehrlinge kannten wir die Ursachen nicht. Erst Jahre später wurde mir klar, woher dieser Geruch tatsächlich kam.
Die Maschinen laufen. Laut. Konstant. Da ist das helle Klingeln der Nietmaschinen. Daneben die Exzenterpressen mit ihrem dumpfen, taktenden Schlag. Mein Kollege nannte es „de-buff-tschick“ — das Stanzen, dann das Ausblasen des Werkstücks mit Druckluft. Wer es einmal gehört hatte, wusste sofort, was gemeint war. Geräusche, die sich überlagern und trotzdem sofort auseinanderzuhalten sind. Späne fallen. Werkstücke wandern von Hand zu Hand. Vieles geschieht aus Erfahrung heraus. Die Leute wissen, was sie zu tun haben.
Die Menschen in der Halle tragen Blaumänner. Blaue Arbeitslatzhosen, wer an Werkbank oder Maschine steht. Die Meister tragen Kittel. Grau. Der jüngere Ausbilder einen blauen Kittel. Der erfahrene Arbeitsplaner aus der Arbeitsvorbereitung einen schwarzen. Niemand erklärt das. Man liest es einfach ab. Im späteren Berufsleben verschwanden die Kittel nach und nach. Die Hierarchien, die sie sichtbar gemacht hatten, verschwanden mit ihnen.
Mitten in dieser Halle steht ein auf Stelzen gebautes Büro. Dort sitzt unser Meister und sein Kollege, der als erfahrener Werkzeugkonstrukteur seit den 1940er Jahren im Unternehmen tätig ist. Im Werkzeugbau arbeiteten damals mehrere Kollegen, die über fünfzig Jahre in demselben Betrieb, in derselben Abteilung verbracht hatten. Das war keine Ausnahme. Das war normal.
Von dort oben kann man fast die gesamte Halle überblicken.
Unser alter Meister wurde von allen nur Schneider genannt. Nicht, weil er so hieß. Bevor er in den Metallbetrieb gekommen war, hatte er einmal Schneider gelernt. Der Name war geblieben. Als wir 1981 unsere Lehre begannen, nannte ihn der ganze Betrieb so. Jedenfalls dann, wenn er nicht dabei war.
Unser alter Meister war gut einen Kopf kleiner als die meisten Männer in der Halle. Auch viele von uns Lehrlingen überragten ihn schon nach kurzer Zeit.
Am ersten Tag stellte er sich vor. Nachdem er seinen Namen genannt hatte, sagte er:
„Morgens sagt man Morgen, mittags sagt man Mahlzeit und nachmittags sagt man auf Wiedersehen.“
Der Satz blieb mir im Gedächtnis. Und seine Stimme. Scharf. Er hat nie gebrüllt. Das war auch nicht nötig. Jahrgang 1920. Ob er im Krieg gewesen war, weiß ich nicht. Er hatte die Zeit des Nationalsozialismus, den Krieg und die Nachkriegsjahre jedenfalls als Erwachsener erlebt.
Wenn man später zu ihm gerufen wurde, ging man die Treppe zu seinem Büro hinauf. Ohne dass er jemals „Stillgestanden“ gesagt hätte, stand man irgendwie anders da als sonst. Er erklärte, was er wollte. Kurz. Am Ende kam oft derselbe Satz:
„Kannst hingehen.“
Dann ging man wieder zurück an seinen Arbeitsplatz. Angst hatte ich vor ihm nicht. Respekt schon.
Als Lehrling lernt man den Betrieb nach und nach kennen. Nicht auf einmal. Durch Botengänge, durch Versetzungen in andere Bereiche, durch Beobachten.
Da war die Lackiererei, und dahinter die Galvanik. Schilder: „Zutritt für Unbefugte verboten.“ Schon vor der Tür war die Luft anders. In der Lackiererei hingen die Dämpfe schwer. Die Arbeit dort wirkte auf mich intensiv — nicht durch Lärm, sondern durch die Nähe zu dem, womit man dort hantierte. In der Galvanik dann Becken, Flüssigkeiten, Dämpfe. Die Kolleginnen und Kollegen, die dort ihren Arbeitsplatz hatten, bekamen kostenlose Milch. Zur Entgiftung, sagte man. Sie arbeiteten mit gesundheitsschädlichen Stoffen — viele Jahre, manche ein ganzes Berufsleben lang. Später gab es keine Milch mehr. Nicht weil der Betrieb gespart hätte, sondern weil sich irgendwann herausgestellt hatte, dass Milch gar keine entgiftende Wirkung hat. Was geblieben war, waren die Jahre.
Und dann war da die Konstruktion. Wieder eine andere Welt. Still. Große Räume. Männer und Frauen standen an Zeichenbrettern und zeichneten. Hochkonzentriert. Kein Bildschirm, kein Zurück. Fehler ließen sich korrigieren — aber man sah es. An Smartphones dachte niemand. Selbst schnurlose Telefone gab es nicht. Stattdessen die Personensuchanlage. Ein Warnton. Dann das Aufleuchten von Lampen. Farben und Blinkzeichen. Jemand wird gesucht. Alle hören es. Alle schauen hin. Einer ist gemeint.
Dann ist Frühstückspause. Bei einigen der ältesten Kollegen stehen zwei halbe Liter Bier auf dem Tisch. Zwanzig Minuten. Danach geht es zurück an die Maschinen. Niemand hätte das grundsätzlich in Frage gestellt. Es war Teil dieser Welt.
Mit der Zeit lernten wir ihn besser kennen. Das galt nicht nur für ihn. Das galt für Meister und Vorgesetzte genauso wie für Kolleginnen und Kollegen. Sie lernten uns kennen. Wir lernten sie kennen. Wer leicht reizbar war. Wer gerecht war. Wer hilfsbereit war. Wer etwas konnte. Wer sich wichtig machte.
Unser alter Meister hatte ebenfalls seine Eigenheiten. In einer Schublade seines Schreibtisches lagen regelmäßig Ausgaben der Praline-Zeitschrift. Wenn wir etwas ins Büro bringen mussten, kündigten wir uns nicht an. Wir gingen einfach die Treppe hinauf. Mehr als einmal erschrak er dabei sichtbar. Dann versuchte er hastig, die Schublade zuzuschieben. Meist zu spät. Wir hatten die Hefte längst gesehen. Natürlich sprach niemand darüber. Aber die Gesellen wussten es längst. Und hin und wieder schickten sie uns nach oben. Irgendeinen Vorwand gab es immer. Was wir dort sehen würden, sagten sie nicht.
In der Halle gab es noch andere Figuren. Die Schnellläufer zum Beispiel. Männer, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch den Betrieb marschierten. Wer sie sah, sollte offenbar erkennen, wie beschäftigt, fleißig und strebsam sie waren. Nach einiger Zeit fiel uns auf, dass dieselben Männer erstaunlich viel Zeit hatten, wenn sie bei bestimmten Kolleginnen stehen blieben. Dann verschwand die Eile plötzlich.
Wir Lehrlinge beobachteten. Die Gesellen beobachteten. Die Meister beobachteten. Die Kollegen beobachteten sich gegenseitig. Am Ende beobachtete jeder jeden.
Nach einigen Monaten wusste jeder ziemlich genau, mit wem er es zu tun hatte.
Die Arbeit war körperlich fordernd. Viele standen den ganzen Tag an der Werkbank oder an der Maschine. Sitzen war nicht vorgesehen. Rückenschmerzen mit achtzehn — nach einem ganzen Tag im Stehen.
Der Schnellläufer blieb der Schnellläufer. Der Lautsprecher blieb der Lautsprecher. Und unser alter Meister blieb unser alter Meister.
Heute steht sein Name auf einem Grabstein. Als ich vor einigen Wochen dort auf dem Friedhof stand, waren die Geräusche sofort wieder da. Das Klingeln der Nietmaschinen. Die dumpfen Schläge der Exzenterpressen. Und dieser leicht pilzartige Geruch der Werkhalle, den ich als Sechzehnjähriger nicht einordnen konnte.
