Ich wurde Metaller, ohne es je gewollt zu haben. Eigentlich wollte ich damals nur eines: mit meinen älteren Freunden mithalten – Mofa, Disco, Bier. Die Schule war Nebensache. Dass ich Jahre später in einer Werkhalle stehen würde, war das Letzte, woran ich dachte.
Die Zeit der Orientierungslosigkeit hielt am Ende fast vier Jahre an. In den letzten beiden Schuljahren und den ersten zwei Lehrjahren habe ich viel verpasst – im Unterricht, in der Berufsschule und in der Ausbildung. Das Defizit ließ sich nicht einfach in ein, zwei Jahren wieder einholen. Tatsächlich dauerte es mehr als sechs Jahre, bis ich den Abstand wirklich aufgearbeitet hatte. Manche Defizite konnte ich nicht mehr aufholen – sei es, weil die Inhalte für mich nicht mehr relevant waren, oder weil sich keine Gelegenheit zum Weiterlernen bot. Doch am Ende zählte nur das, was in der jeweiligen Situation gefordert war. Die allgemeinen Grundlagen, die in Schule, Ausbildung und Berufsschule vermittelt werden, da habe ich sicherlich einiges verpasst. Das konnte ich aber gut kompensieren, weil im Unternehmen das System auf Loyalität – und daraus resultierender, sehr guter Teamarbeit – funktionierte. Und später, als sich mir Möglichkeiten boten, habe ich jede Gelegenheit genutzt, die mir eine Perspektive eröffnete.
Ich bestand zwar die Abschlussprüfung in Klasse 10 und später auch die Berufsschule, allerdings mit zwei Fünfen im Zeugnis. Allein in Fachkunde war ich recht gut.
Mit meinem Hauptschulabschluss nach Klasse 10 schrieb ich zwei halbherzige Bewerbungen für eine Ausbildung als Elektriker, beide wurden abgelehnt, das Ausbildungsjahr rückte näher, und ich hatte keinen Plan – vor allem keinerlei Vorstellung von einer Arbeit, die zu mir passen könnte. Arbeit war etwas, worüber ich mir gar keine Gedanken gemacht habe. Und auch von dem, was ein Werkzeugmacher überhaupt macht oder was das Unternehmen, in dem ich beginnen sollte, herstellte, hatte ich noch nie etwas gehört.
In dieser Situation schaltete sich ein Mann aus der erweiterten Familie ein – der Mann der Cousine meines Vaters. Nach dem Krieg war er als Flüchtling in unserem Dorf gestrandet, hatte dort Arbeit gefunden und eine Frau, mit der er gut zusammenpasste. Ihr einziger Sohn starb mit etwa sechs Jahren; kurz danach kam ich zur Welt. Die Verbindung zwischen unseren Familien war eng, auch weil meine Oma, die Tante seiner Frau, damals noch lebte.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, weiß ich, dass meine Eltern mit ihm über mich gesprochen haben. Aber ich glaube nicht, dass das gezielt oder mit Absicht geschah. Wahrscheinlicher ist, dass es sich aus einem belanglosen Gespräch ergab – vielleicht sogar beim gemeinsamen Kegelabend, ohne viele Worte darüber zu verlieren.
Er erklärte nichts, er diskutierte nicht. Er sprach nicht mit mir, sondern mit meinen Eltern. Eines Tages stand einfach im Raum, ich solle mich in „seinem“ Metallbetrieb sofort bewerben. So lief das: keine langen Erklärungen, keine Diskussion – nur eine klare Ansage über die Familienlinie.
Im Hintergrund sorgte er dafür, dass ich trotz mäßigem Eignungstests eine Lehrstelle bekam, zunächst als Maschinenschlosser, später – nach einer internen Umbuchung – als Werkzeugmacher. Was ich damals nicht wusste: Ein anderer Bewerber, der ursprünglich den Werkzeugmacherplatz hatte, musste im Gegenzug in die Schlosserlehre wechseln. Erst später, während der Ausbildung, erfuhr ich von ihm, wie diese Verschiebung gelaufen war.
Mir war unangenehm, dass meine Chance auf seine Kosten zustande gekommen war – aber damals fehlten mir Worte und Abstand, um das wirklich einzuordnen. Mit dem Mann, der das möglich gemacht hatte, habe ich darüber nie gesprochen – nicht damals, nicht später. Heute bleibt mir vor allem dieser Eindruck: Jemand zieht Fäden, ohne viele Worte, und Jahre später steht man selbst in einer Werkhalle und fragt sich, wie man dort eigentlich gelandet ist.
Der entscheidende Wechsel in die Qualitätssicherung war später erneut eine Mischung aus Glück, Schicksal und familiären Beziehungen – wieder ohne mein direktes Zutun. Es arbeitete damals noch ein weiterer Verwandter von mir im Unternehmen. Er hat zwar nicht direkt auf meine „Karriere“ eingewirkt, spielte aber vielleicht indirekt eine Rolle. Vielleicht. Ich weiß es bis heute nicht.
Die Zeit der Orientierungslosigkeit endete dann sehr abrupt, kurz vor Ende des zweiten Lehrjahres. In dieser Phase lernte ich meine spätere Frau kennen. Von da an lag mein Fokus fast vollständig auf ihr und auf unserer Beziehung. Plötzlich stand nicht mehr die Clique im Mittelpunkt, sondern wir beide. Die ungerichtete Unruhe wich neuen, sehr konkreten Zielen: mit ihr zusammen zu sein, ihr nahe zu bleiben, ein gemeinsames Leben aufzubauen.
Noch im selben Jahr zogen wir zusammen. Sie zog bei mir ein. Ich hatte damals bereits mit sechzehn die Wohnung meiner verstorbenen Tante im Obergeschoss des Hauses meiner Eltern bezogen. Meine Eltern ließen mich dort frei walten und schalten, ohne sich stark einzumischen. Das gab mir jede Menge Freiheit. Ich machte, was ich wollte. Das bedeutet nicht, dass ich keinen Respekt vor meinen Eltern hatte oder sie nicht liebte. Warum das so war, ergibt sich aus einem weiteren, tieferen Rückblick, der zwar nicht direkt zum Thema Arbeit gehört, aber wichtig für meine Charakterbildung gewesen ist. Aus einem orientierungslosen Lehrling wurde so innerhalb kurzer Zeit jemand, der sich an einer Beziehung, einer Wohnung und einem gemeinsamen Alltag ausrichtete. Später sollte ich einmal der Mann für Qualität, Sicherheit und mehrere Stabsstellen zugleich werden – damals war davon noch nichts zu sehen.
