Eine schriftliche Anweisung gab es nicht.
Theorieunterricht dazu ebenfalls nicht.
Es war pures Learning by Doing.
Die Älteren machten es vor.
Die Jüngeren schauten zu.
Irgendwann war man selbst an der Reihe.
So war das auch in der Schmiede.
Im ersten Lehrjahr mussten wir beim Härten helfen. Die Schmiede war damals eigentlich keine richtige Schmiede mehr. Zumindest wurde dort nicht mehr geschmiedet, wie man sich das heute vorstellt.
Die Esse gab es noch.
Und den elektrischen Härteofen.
Dort wurden Schnittplatten und andere Werkzeugteile gehärtet.
Die Temperatur im Ofen lag weit über tausend Grad.
Die Werkstücke lagen zusammen mit Holzkohle in einem Stahlkasten, der über längere Zeit im Ofen erhitzt wurde. Vorher waren sie mit Drähten versehen worden. Die Drähte ragten später aus der glühenden Holzkohle heraus, damit wir die Werkstücke überhaupt erkennen und mit den Haken greifen konnten.
Wenn die Zeit gekommen war, zog unser Meister den glühenden Härtekasten aus dem Ofen. Vor dem Ofen stand eine Rollenbahn auf Rädern. Auf diese Rollen zog er den Kasten heraus.
Danach schob er ihn zu uns herüber.
Wir standen bereit.
Mit langen Haken.
Die Werkstücke wurden aus dem glühenden Kasten geholt und ins Ölbad gebracht.
Je nach Größe und Gewicht reichte ein Lehrling.
Bei anderen Werkstücken mussten zwei oder drei gemeinsam arbeiten.
Dann musste man sich abstimmen.
Wer hebt an.
Wer zieht.
Wer führt das Werkstück.
Einfach ins Öl tauchen durfte man die Teile nicht.
Sie mussten im Öl bewegt werden.
Geschwenkt.
Sonst konnten sich Dampfblasen bilden. Dann wurde das Werkstück nicht überall gleichmäßig gekühlt.
Manchmal wurde trotzdem ein Werkstück übersehen.
Dann rief plötzlich einer:
„Da ist noch eins!“
Und sofort schnappte es sich jemand mit dem Haken und brachte es ins Ölbad.
Es musste alles ziemlich schnell gehen.
Respekt vor der Hitze hatte jeder. Das musste niemand erklären.
Im ersten Lehrjahr gehörte das Anzünden der Esse noch nicht zu unseren Aufgaben. Das machten die Lehrlinge des zweiten Lehrjahres.
Wir schauten zu.
Ein Jahr später war man selbst im zweiten Lehrjahr.
Dann stand plötzlich Schneider vor einem.
„Wir wollen härten, geh mal Feuer anmachen.“
Mehr brauchte es nicht.
Jeder wusste, was gemeint war.
Jeder kam irgendwann dran.
Drücken konnte man sich nicht.
Bei mir war das keine unbeliebte Aufgabe.
Im Gegenteil.
Ich hatte mich darauf gefreut.
Feuer anmachen war für mich eine der besten Aufgaben überhaupt.
Zeitungspapier zusammenknüllen.
Darauf Holzkohle.
Darüber der Koks.
Dann die richtige Luftzufuhr.
Eigentlich war das keine große Kunst.
Man musste nur verstehen, was das Feuer braucht.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals Schwierigkeiten damit hatte.
Andere schon.
Bei manchen wusste man vorher, dass es schwierig werden würde.
Wenn Schneider sie losschickte, dachte man manchmal:
Das wird nichts.
Dann qualmte die Schmiede.
Und manchmal zog der Rauch durch die Halle.
Bei mir klappte das von Anfang an.
Ich mochte es.
Zu beobachten, wie das Feuer in Gang kam.
Wie die Holzkohle zu glühen begann.
Wie der Koks Feuer fing.
Wie aus ein paar zusammengeknüllten Zeitungen ein richtiges Schmiedefeuer wurde.
Schneider war ein Mann weniger Worte.
Nachdem er etwas erklärt hatte, kam oft noch:
„Haste kapiert?“
Die Frage war keine Frage.
Man nickte.
Oder sagte kurz ja.
Dann kam meist:
„Kannst hingehen.“
Manche Erinnerungen liegen jahrzehntelang irgendwo und tauchen erst wieder auf, wenn jemand anders denselben Satz ausspricht.
Später gehörte das Feueranmachen längst nicht mehr zu meinen Aufgaben.
Andere machten die Arbeit.
Die Schmiede war noch da.
Die Esse auch.
Trotzdem schaute ich manchmal hinüber.
Nicht weil ich dort etwas zu tun hatte.
Sondern weil ich das Feueranmachen gern gemacht hatte.
