Am 30. Oktober 1939 wurde Grace Slick geboren. Sie und meine Mutter sind also nahezu gleichaltrig. Ob meine Mutter „White Rabbit“ kennt oder ob ihr der Song gefällt, habe ich sie eigentlich nie gefragt. Vielleicht sollte ich das einmal tun. Schließlich hat Musik auch in unserer Familie immer eine Rolle gespielt, nicht zuletzt durch die Trompetenmusik meines Vaters.
Als Grace Slick 1969 mit Jefferson Airplane bei Woodstock auftrat, war ich gerade vier Jahre alt. Von diesem legendären Festival bekam ich damals nichts mit. Erst in den 1980er-Jahren entdeckte ich ihre Musik. Vor allem einen Song, der mich bis heute begleitet: „White Rabbit“.
Grace Slick war eine außergewöhnliche Sängerin und Performerin. Ihre Stimme hatte eine enorme Kraft, ihre Bühnenpräsenz wirkte vollkommen natürlich. Sie brauchte weder große Gesten noch eine aufwendige Inszenierung. Sie sang einfach. Und das genügte.
„White Rabbit“ hatte sie selbst geschrieben, ursprünglich für ihre erste Band The Great Society. 1967 erschien der Song mit Jefferson Airplane auf dem Album Surrealistic Pillow. Inspiriert von Lewis Carrolls Alice im Wunderland und der psychedelischen Kultur jener Jahre, steigert sich das Stück von einem beinahe zurückhaltenden Beginn zu einem gewaltigen musikalischen Höhepunkt.
Gerade einmal zweieinhalb Minuten. Und doch steckt darin eine Intensität, die mich auch nach vierzig Jahren noch begeistert.
Woodstock, Sonntagmorgen, 17. August 1969.
Jefferson Airplane waren wegen der chaotischen Verzögerungen erst am frühen Morgen auf die Bühne gekommen. Vor Hunderttausenden erschöpften Festivalbesuchern sang Grace Slick auch „White Rabbit“. Die Aufnahmen dieses Auftritts zeigen noch heute, welche unglaubliche Wirkung ihre Stimme und ihre natürliche Präsenz entfalten konnten.
1986 war der Song auch in Oliver Stones Vietnamfilm Platoon zu hören. Dort begleitet er eine Szene mit amerikanischen Soldaten in einem unterirdischen Bunker. Die Musik einer Generation, die Freiheit suchte, trifft auf die Wirklichkeit eines Krieges, der zur selben Zeit geführt wurde.
Grace Slick hat sich längst von der Bühne verabschiedet und widmet sich seit vielen Jahren vor allem der Malerei.
Ich höre „White Rabbit“ noch immer gerne. Nicht aus Nostalgie, sondern weil ich ihn für einen der besten Rocksongs überhaupt halte. Und weil Grace Slick für mich zu jenen seltenen Künstlerinnen gehört, deren Ausdruckskraft auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Wirkung verloren hat.
Alles Gute zum 87. Geburtstag, Grace Slick.
Und danke für einen Song, der mich seit den Achtzigern begleitet und bis heute fasziniert.
